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Medizin
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Die Medizin (von lateinisch medicina) ist die Wissenschaft der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten, Verletzungen und Behinderungen bei Menschen und Tieren.

Sie wird von medizinisch ausgebildeten Heilkundigen ausgeĂŒbt mit dem Ziel, die Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Dabei handelt es sich meist um Ärzte, aber auch um Angehörige weiterer Heilberufe. Zum Bereich der Medizin gehören neben der Humanmedizin die Zahnmedizin, die VeterinĂ€rmedizin (Tiermedizin) und in einem weiteren VerstĂ€ndnis auch die Phytomedizin (BekĂ€mpfung von Pflanzenkrankheiten und SchĂ€dlingen). In diesem umfassenden Sinn ist Medizin die Lehre vom gesunden und kranken Lebewesen.

Die Kulturgeschichte kennt eine große Zahl von unterschiedlichen medizinischen LehrgebĂ€uden, beginnend mit den Ärzteschulen im europĂ€ischen und asiatischen Altertum, bis hin zur modernen Vielfalt wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Medizin umfasst auch die anwendungsbezogene Forschung ihrer Vertreter zur Beschaffenheit und Funktion des menschlichen und tierischen Körpers in gesundem und krankem Zustand, mit der sie ihre Diagnosen und Therapien verbessern will. Die (natur)wissenschaftliche Medizin bedient sich dabei seit etwa 1845cite-ref-1[1] zunehmend der Grundlagen, die Physik, Chemie, Biologie und Psychologie erarbeitet haben.

Als Mediziner bezeichnet man eine Person, die Medizin studiert hat.cite-ref-2[2]

Contents

‱ Heilkunde
‱ Geschichte
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Zum Medizinbegriff

In der europÀischen Tradition

Das Wort Medizin leitet sich ab von lateinisch medicina bzw. ars medicina, „Àrztliche Kunst“ oder die „Heilkunde“, von mederi, ‚heilen‘ – zu indogermanisch med-, ‚Heilkundiger‘,cite-ref-3[3] wobei die erschlossene, mit lateinisch modus („Maß“) verwandte Wurzel *med- (auf die auch das Wort „Medikament“ zurĂŒckzufĂŒhren ist) im Sinne von „ermessen, geistig abmessen, ersinnen, ratgeben oder wissen“ zu verstehen ist.cite-ref-4[4]

Die Heilkunst (lateinisch auch ars medicinaecite-ref-5[5]) wird selten auch die Iatrik genannt (ausgesprochen IĂĄtrik, vom griechischen substantivierten Adjektiv ጰατρÎčÎșÎź [τέχΜη], altgriechische Aussprache iatrikᾗ [tĂ©chnē], „Àrztliche Kunst“ oder „Àrztliches Handwerk“; hĂ€ufiger in Zusammensetzungen wie „iatrogen“, „PĂ€diatrie“ oder „Psychiatrie“cite-ref-duden-dt-universalw-rterbuch-6-0[6]).

der-medizinbegriff-in-zusammenhang-mit-den-nordamerikanischen-indianernBei den nordamerikanischen Indianern

Der Begriff „Medizin“ (als mĂ©decine von französischen Trappern erstmals fĂŒr Heilungszeremonien der von ihnen mit Ärzten gleichgesetzten Schamanen der Plains-Indianer gebraucht)cite-ref-7[7] wird hier nicht im Sinne von Heilkunde oder Arznei gebraucht, sondern bezeichnet im europĂ€isch-englischen Sprachgebrauch eine „geheimnisvolle, transzendente Kraft hinter allen sichtbaren Erscheinungen“. Das indianische Medizinsystem magisch-animistischer PrĂ€gung, auch das gesamte prĂ€kolumbische Amerika einschließend, fĂŒhrt Krankheiten auf Tabuverletzungen zurĂŒck, die zu einer Störung der Harmonie zwischen Mensch und seiner Umwelt fĂŒhren, und lĂ€sst sich als Form des Schamanismus bezeichnen. Ein Schamane (als Heiler bzw. „Medizinmann“) nutzte verschiedene bewusstseinsverĂ€ndernde, eine Himmels- oder Seelenreise ermöglichende Methoden zur Versöhnung mit nichtmateriellen MĂ€chten und rituelle Handlungen, um diese Harmonie wiederherzustellen.cite-ref-8[8] Erst im Laufe der Zeit erkannte man, dass indianische „Medizin“, die jedoch auch die auf HeilkrĂ€utern und physikalischen Therapieverfahren beruhende Medizincite-ref-9[9] im engeren Sinne einschließt, weit ĂŒber die Heilkunde hinausgehtcite-ref-10[10] (siehe Medizinbeutel oder Medizinrad). Die indianische Medizin erinnert vielmehr an das polynesische Mana.

Heilkunde

Die Medizin ist eine praxisorientierte Erfahrungswissenschaft. Ziele sind die PrĂ€vention (Vorbeugung) von Erkrankungen oder von deren Komplikationen, die Kuration (Heilung) von heilbaren Erkrankungen oder die Palliation (Linderung) der Beschwerden in unheilbaren Situationen. Auch die Rehabilitation (Wiederherstellung) der körperlichen und geistigen FĂ€higkeiten der Patienten ist Aufgabe der Medizin. Ärzte und nichtĂ€rztliche Therapeuten erstellen dafĂŒr BehandlungsplĂ€ne und ĂŒberwachen den Behandlungsverlauf. In Deutschland verpflichtet das Patientenrechtegesetz im § 630f BGB den Arzt oder Zahnarzt in der Patientenakte „sĂ€mtliche aus fachlicher Sicht fĂŒr die derzeitige und kĂŒnftige Behandlung wesentlichen Maßnahmen und deren Ergebnisse aufzuzeichnen, insbesondere die Anamnese, Diagnosen, Untersuchungen, Untersuchungsergebnisse, Befunde, Therapien und ihre Wirkungen, Eingriffe und ihre Wirkungen, Einwilligungen und AufklĂ€rungen.“ Die Aufzeichnungspflicht der gesamten Krankengeschichte ist im Übrigen Bestandteil der Berufsordnungen. Alle patientenbezogenen Unterlagen unterliegen dem Datenschutz. Im medizinischen Alltag werden im Idealfall wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Resultaten der Anamnese, Befunderhebung und Diagnosestellung sowie der Ă€rztlichen Intuition und Erfahrung kombiniert, um dem einzelnen Patienten gerecht zu werden.

Dabei ist die persönliche Patient-Arzt-Beziehung wesentlich, die immer dann entsteht, wenn jemand mit einem Gesundheitsproblem bei einem Arzt Hilfe sucht. Nach Ansicht der Medizinhistoriker hat sich diese Beziehung mit dem Aufkommen der modernen Medizin fundamental gewandelt. Das Expertenwissen und die FachautoritĂ€t der einheitlich ausgebildeten Ärzte hat sie in eine dominante Rolle erhoben, die Barbiere, Steinschneider, aber auch akademische Mediziner frĂŒherer Zeit mit ihren oft erfolglosen Krankheitstheorien nicht hatten. Die Ärzteschaft hat heute die weitgehende Definitionsmacht, was Krankheit ausmacht und welche medizinischen und medizinisch-politischen Maßnahmen dagegen ergriffen werden sollten. Hingegen hat die bĂŒrgerliche Gesellschaft (in Deutschland seit der spĂ€ten Kaiserzeit) versucht, den paternalistischen Ermessenspielraum der Ärzte zurĂŒckzudrĂ€ngen, etwa durch die 1884 (Richard Keßler) erstmals veröffentlichte juristische Einstufung Ă€rztlicher Eingriffe als Körperverletzung, fĂŒr die die Zustimmung des Patienten unabdingbar ist. Es wird nunmehr eine deliberative Leistung vom Therapeuten erwartet, dessen Fachwissen die freie Entscheidungsgewalt des Patienten stĂŒtzt, nicht ersetzt. Die damit verbundene Pflicht zur Ă€rztlichen AufklĂ€rung ist unangefochten; sowohl in international gĂŒltigen Dokumenten wie der Deklaration von Helsinki als auch im nationalen Strafrecht und den Berufsordnungen der Medizinalberufe findet sie ihren Niederschlag.

Sowohl Ärzte als auch andere Heilberufe verwenden einen analytischen Krankheitsbegriff: die Krankheit als Funktionsstörung des Organismus. Auf Basis einer Vertrags- und Vertrauensbeziehung können Daten zur Krankengeschichte (Anamnese) erhoben werden und eine grĂŒndliche klinische Untersuchung durchgefĂŒhrt werden. Technische Verfahren zur medizinischen Untersuchung mithilfe eines Labors, bildgebender Verfahren wie Röntgen und vieler anderer Untersuchungsverfahren wie des Elektrokardiogramms ergĂ€nzen die gesammelten Informationen. Zur Ă€rztlichen Kunst gehört es, die Vielzahl der Fakten und Beobachtungen zur Diagnose zu integrieren. Dieser analytische Krankheitsbegriff der wissenschaftlichen Medizin hat – ĂŒbernommen auch von vielen alternativen Therapeuten – die ontologischen Vorstellungen frĂŒherer Jahrhunderte weitgehend abgelöst. Umstrittene GrenzfĂ€lle der Krankheitsdefinition sind Behinderungen und psychische Erkrankungen, deren Definition stets auch gesellschaftlich beeinflusst war.

Gesundheitssystem

→

Hauptartikel

:

Gesundheitssystem

Den nationalen juristischen und finanziellen Rahmen fĂŒr die AusĂŒbung der Heilkunde stellt das jeweilige Gesundheitssystem eines Staates dar. WĂ€hrend des Mittelalters leisteten Kirchen und Kommunen mit HospitĂ€lern und angestellten Ärzten eine rudimentĂ€re Form der KrankenfĂŒrsorge. Nach dem Aufkommen der mĂ€chtigen Nationalstaaten zogen diese zunĂ€chst die Kontrolle und Aufsicht ĂŒber die Heilberufe an sich, verabschiedeten Approbationsordnungen und GebĂŒhrenordnungen. Preußen schaffte 1852 die ĂŒberkommene Trennung des Ärztestandes zwischen Chirurgen und Ärzten ab und schloss die Chirurgenschulen. Auf Betreiben liberaler Kreise, zu denen auch Rudolph Virchow gehörte, erlaubte die erste Gewerbeordnung des deutschen Reiches (1871) die Therapiefreiheit auch fĂŒr nichtapprobierte Behandler, die mit dem bis heute gĂŒltigen Heilpraktikergesetz (1939) erhalten blieb.

Unter der Kanzlerschaft Otto von Bismarcks gab sich Deutschland das weltweit erste allgemeine soziale Sicherungssystem, mit Einschluss einer gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr alle Arbeitnehmer und deren Angehörigen, die heute 90 % der Bevölkerung umfasst. Die niedergelassenen Ärzte organisierten sich gegen die zunĂ€chst ĂŒbermĂ€chtige Verwaltung (Hartmannbund, 1900) und setzten in Ärztestreiks die heutige Selbstverwaltung durch, nach der die KassenĂ€rzte fĂŒr die Sicherstellung der ambulanten Krankenversorgung allein verantwortlich sind und dafĂŒr eine GesamtvergĂŒtung erhalten (Notverordnung, 1931). Nach der Wiedervereinigung wurden auch die in der DDR ĂŒblichen Ambulatorien aufgelöst oder in Arztpraxen umgewandelt. Die GesundheitsĂ€mter spielen außerhalb von Katastrophen keine Rolle in der Krankenversorgung. Die stationĂ€re Medizin in KrankenhĂ€usern blieb dagegen ĂŒberwiegend in staatlicher Hand. Deutsche KrankenhĂ€user schließen VersorgungsvertrĂ€ge mit den Krankenkassen ab und erhalten zudem InvestitionskostenzuschĂŒsse aus Steuermitteln, haben also eine duale Finanzierung, die völlig von der kassenĂ€rztlichen Schiene getrennt ist. Zahlreiche Reformen der Gesundheitsgesetzgebung haben versucht, die damit drohende Doppelversorgung mit teurer Infrastruktur (etwa medizinische GroßgerĂ€te) zu verhindern. Andere Industriestaaten haben andere Lösungen erarbeitet. So gibt es entwickelte Nationen mit nationalen, steuerfinanzierten Gesundheitssystemen (so das National Health Service in Großbritannien) oder mit weitgehend unregulierten AnbietermĂ€rkten (so das Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten). In anderen europĂ€ischen Staaten gibt es regulierte MĂ€rkte mit starkem öffentlichen Sektor; beispielsweise trĂ€gt im Gesundheitssystem Deutschlands die öffentliche Hand ĂŒber die Gesetzliche Krankenversicherung und die staatlichen KlinikzuschĂŒsse ca. 80 Prozent der gesamten Ausgaben zur Krankenbehandlung.cite-ref-11[11]

Mit der Zunahme der Ärzte und Kliniken, der verbesserten technischen Möglichkeiten und des demographischen Wandels ging eine kontinuierliche Verteuerung des Gesundheitswesens einher, gegen die zahlreiche Gesundheitsreformen eingesetzt wurden. Diese legten nicht nur Leistungsumfang und Bezahlung fest, sondern regulierten in zunehmendem Maße auch die konkrete Leistungserbringung und QualitĂ€tskontrolle. Über die so eingefĂŒhrte Rationalisierung (Effizienzsteigerung), implizite und explizite Rationierung (Leistungsbegrenzung) und die erreichte Verteilungsgerechtigkeit debattiert die Gesellschaft intensiv.

Siehe auch

:

Sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen

und

Zwei-Klassen-Medizin

Eine verbreitete Klassifikation der medizinischen Versorgung unterscheidet drei Sektoren: medizinische-grundversorgung

‱ Die medizinische Grundversorgung (englisch primary health care, „primĂ€re Gesundheitsversorgung“) wird von Allgemeinmedizinern, hausĂ€rztlich tĂ€tigen Internisten und KinderĂ€rzten (PrimĂ€rĂ€rzte), weniger von allgemeinen Krankenhausambulanzen und anderen öffentlichen ambulanten Einrichtungen getragen. Etwa 90 Prozent der akuten und chronischen Gesundheitsprobleme sollen auf dieser kostengĂŒnstigen und flĂ€chendeckenden Ebene behandelt werden.
‱ Die sekundĂ€re Versorgung (englisch secondary care, Schwerpunktversorgung, „Facharztmedizin“) bilden niedergelassene und angestellte FachĂ€rzte aller Richtungen sowie andere Spezialisten, die auf Überweisung der PrimĂ€rĂ€rzte tĂ€tig werden. Die Facharztbehandlung findet ambulant oder stationĂ€r (nach Aufnahme in einem Krankenhaus) statt. Innerhalb dieses Sektors werden Notaufnahmen, Intensivstationen, OperationssĂ€le, Labor- und Röntgendiagnostik, Physikalische Therapie vorgehalten.
‱ Die tertiĂ€re Versorgung (tertiary care, Maximalversorgung) beruht auf spezialisierten Kliniken und Zentren, die grĂ¶ĂŸere Regionen oder mehrere StĂ€dte mit besonders teuren und aufwendigen Leistungen versorgen, etwa Unfall- und Verbrennungskliniken, Krebszentren, Transplantationskliniken und neonatologische Zentren.

Daraus lassen sich fĂŒr das Gesundheitssystem relevante und messbare Kennzahlen bilden, wie etwa die Arztdichte (Ärzte je 1.000 Einwohner) oder die Krankenhausbetten-Dichte (Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner). StĂ€dte die hier innerhalb Deutschlands ganz vorne liegen sind etwa Heidelberg und Regensburg.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13]

Spektrum der Medizin

Die Vielfalt der Gebiete und Teilgebiete sowie die Zunahme des Wissens haben zu einer Aufgliederung der Medizin in eine große Anzahl von Fachgebieten und Subspezialisierungen gefĂŒhrt.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] Die Grundlage der wissenschaftlichen (bzw. naturwissenschaftlichen)cite-ref-16[16] Medizin bilden die Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik), speziell Humanbiologie, Anatomie, Biochemie, Physiologie, ergĂ€nzt bzw. beeinflusst insbesondere seit der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts durch Geisteswissenschaften wie Philosophie und Psychologiecite-ref-17[17] sowie Sozialwissenschaften (vgl. Medizinsoziologie, Epidemiologie, Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitsökonomie). Im deutschen Medizinstudium werden diese FĂ€cher als Vorklinik im ersten Abschnitt zusammengefasst. Die ErnĂ€hrungsmedizin befasst sich mit der Physiologie und Pathophysiologie der menschlichen ErnĂ€hrung. Die ErnĂ€hrungswissenschaft ist in den meisten LĂ€ndern nur in geringem Maße Teil des medizinischen Studiums.cite-ref-18[18]

Klinische FÀcher befassen sich mit der Krankenbehandlung selbst. Zu ihnen gehören die traditionellen FÀcher der Inneren Medizin und der Chirurgie, der Frauenheilkunde und Geburtshilfe, seit ca. 1800 der Kinderheilkunde und seit 1852 der Hausarztmedizin (abgelöst 1966 durch Allgemeinmedizin).

JĂŒngere Spezialisierungen sind zum Beispiel die Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Pulmonologie, Sozialmedizin und Psychiatrie. Im 20. Jahrhundert bildeten sich technikorientierte FĂ€cher wie Radiologie und Strahlentherapie, und Fachgebiete mit integrativem Anspruch wie Geriatrie und Palliativmedizin. Zu diesen Ă€rztlichen Fachgebieten gehören auch Subspezialisierungen wie Kinderkardiologie, Neuroradiologie, Suchtmedizin und viele andere, deren Inhalte zum Beispiel in Deutschland in der Musterweiterbildungsordnung der BundesĂ€rztekammer kodifiziert sind.

Hinzu treten die Aufgabengebiete der ĂŒbrigen Heilberufe, etwa die Krankengymnastik, LogopĂ€die, medizinisch-technische Assistenz, medizinische Assistenz, die ebenso wie der Arztberuf eine hohe Spezialisierung und Professionalisierung erlangt haben. Insbesondere die Krankenpflege hat sich von der rein karitativen Hilfestellung mittlerweile zu einer akademischen Wissenschaft und selbststĂ€ndigen StĂŒtze der Krankenversorgung entwickelt.

alternativmedizin Neben dieser staatlich sanktionierten und kontrollierten Medizin steht eine Vielzahl von alternativ- oder komplementĂ€rmedizinischen Angeboten, die definitionsgemĂ€ĂŸ an den medizinischen Hochschulen nicht gelehrt werden. Je nach ihrem gesellschaftlichen Stellenwert können einige dieser Lehren und Methoden dennoch einer gewissen Standardisierung und Akademisierung (durch privatrechtliche VerbĂ€nde und Schulen) unterliegen und in die staatliche Gesundheitsfinanzierung aufgenommen werden; in Deutschland zum Beispiel die besonderen Heilverfahren Homöopathie, Pflanzenheilkunde, Anthroposophische Medizin und Akupunktur. In den USA ist die Osteopathie Ă€hnlich breit verankert. Viele komplementĂ€re Methoden (DiĂ€tetik, Ordnungstherapie, Naturheilkunde) sind von weiten Teilen der praktizierenden Ärzteschaft anerkannt; andere (traditionelle Medizinsysteme, Volksheilkunde) zumindest von vielen Ärzten. Zahllose ungesicherte Methoden und Verfahren stehen am Rand des Spektrums und werden nur von einzelnen Behandlern angewendet; manche gelten als hoch gefĂ€hrlich fĂŒr die Patienten (z. B. Clark-Therapie, Germanische Neue Medizin). In den USA und in Deutschland werden Versuche, Hochschulmedizin und KomplementĂ€rmedizin miteinander zu verbinden, auch mit dem Schlagwort Integrative Medizin bezeichnet.cite-ref-19[19] Kritisiert wird hierbei die Gefahr einer „guruhaften Selbstinszenierung von Ärzten und Therapeuten“.cite-ref-0-20-0[20] FĂŒr Edzard Ernst werden Prinzipien der evidenzbasierten Medizin untergraben, was das Patientenwohl gefĂ€hrdet und zu einer Verschlechterung der Patientenversorgung fĂŒhrt.cite-ref-0-20-1[20]

Siehe auch

:

Liste medizinischer Fachgebiete

Geschichte

→

Hauptartikel

:

Geschichte der Medizin

Im Altertum bildeten sich in den Hochkulturen von China, Indien und im Mittelmeerraum unterschiedliche Medizinsysteme heraus, die vielfach verĂ€ndert und vermischt auch in der westlichen Alternativmedizin eine große Rolle spielen. Die traditionelle chinesische Medizin entstand etwa im zweiten Jahrtausend vor Christus aus einfachen DĂ€monen- und Ahnenheilkulten; in der nachkonfuzianischen Zeit differenzierte sie sich zu dem noch heute bestehenden naturphilosophischen System aus dualen und elementaren Entsprechungen. Die praktische Medizin stammt aus der Zeit um 300 v. Chr., die Pharmakologie wurde mit dem Werk von Tao Hongjing, die Akupunktur mit dem anonymen Werk HuĂĄngdĂŹ NĂšijÄ«ng (Innerer Klassiker des Gelben FĂŒrsten) begrĂŒndet. In der Neuzeit unter Einfluss der kommunistischen Regierung und der zunehmenden westlichen Rezeption wurden die Techniken perfektioniert und standardisiert, die ursprĂŒngliche magische DĂ€monenlehre dagegen aufgegeben.

Die Ayurveda-Medizin Indiens wurde ebenfalls um 500 v. Chr. aus den Ă€lteren, magisch-theistischen Glaubensinhalten definiert. Sie beruht theoretisch auf einer Temperamentenlehre verbunden mit einer Gleichgewichtsphysiologie der Lebensenergien Luft, Galle und Schleim, praktisch auf ErnĂ€hrung und MeditationsĂŒbungen. Erste schriftliche Hinweise dazu finden sich schon im Arthashastra; ausfĂŒhrliche LehrbĂŒcher stammen von Sushruta, Charaka und Vagbhata. Auch Yoga wird zur Heilbehandlung angewendet.

In der Medizin der Ă€gyptischen, griechischen und römischen Antike wurzelt die heute weltweit verbreitete, westliche Medizin. Historiker teilen die antike Medizin in vier Phasen ein. Die erste, theurgisch-magische Medizin behandelte Kranke in Tempeln und versuchte, göttliche Heilwunder auszulösen. Ihr Ende wird mit der Lebenszeit des Hippokrates von Kos (etwa 460 bis 370 v. Chr.) assoziiert, als die Medizin sich von der Philosophie abzugrenzencite-ref-21[21] versuchte. Hippokrates war Namensgeber, sicher aber nicht der einzige Ursprung einer neuen Naturphilosophie aus Elementenlehre und Humoralpathologie, die Ă€rztliches Handeln vom direkten Einfluss der Gottheiten unabhĂ€ngig machte. Die hippokratische Praxis aus Diagnose, Therapie und Prognose ist bis heute ĂŒblich; die hippokratischen Fallbeschreibungen gelten als Ursprung der heutigen wissenschaftlichen Medizin.cite-ref-22[22] In der folgenden hellenistischen Phase bildeten sich neben der hippokratischen weitere Ärzteschulen aus, etwa die der Empiriker, der Methodiker oder der Pneumatiker. Schließlich folgte die griechisch-römische Phase, gekennzeichnet durch herausragende Autoren wie Celsus, Dioskur und Galen. Deren anatomische, pharmakologische und chirurgische Werke bestimmten neben denen des Hippokrates bis zur AufklĂ€rung das medizinische Denken im Abendland.

In der byzantinischen Epoche wurden die antiken Vorbilder tradiert und durch Pulslehre und Harnschau ergĂ€nzt. Islamische Gelehrte ĂŒbernahmen die medizinischen Traditionen und entwickelten Schulen fĂŒr Botanik, DiĂ€tetik und Chirurgie, darunter herausragend das Werk des Avicenna. Die klassischen Autoren, meist in islamischer Übersetzung und Kompilation, blieben der Kernbestandteil der westlichen Medizin bis zum 16. Jahrhundert. Die einflussreichste Medizinschule gab es in Salerno, deren wissenschaftliche Tradition bis zur Mitte des 10. Jahrhundertscite-ref-23[23] zurĂŒckreichte. Neue BeitrĂ€ge der Klostermedizin des Mittelalters waren astrologische und theologische Komponenten sowie die Signaturenlehre, nach der Heilpflanzen durch ihre Ă€ußeren Eigenschaften erkennbar sind – eine Vorstellung, die in Ă€hnlicher Form erst viel spĂ€ter von der Homöopathie wieder aufgegriffen wurde.

Der Begriff Medizin stammt ursprĂŒnglich von den Medicini, die im Jahre 1302 in Bologna erstmals eine Leiche seziert hattencite-ref-24[24] und dies ab 1306 regelmĂ€ĂŸig durchfĂŒhrten. Nach jahrhundertelangem Stillstand lösten sich die Mediziner in der Renaissance von den antiken Vorbildern. Der Anatom Andreas Vesalius war Sinn- und Vorbild eines neuen Gelehrtentyps, der aufgrund eigener Anschauung schrieb und WidersprĂŒche zu Hippokrates und Galen aushielt. Gleichzeitig revolutionierte Ambroise ParĂ© die Chirurgie, und Paracelsus verwarf in seiner Iatrochemie die hippokratische SĂ€ftelehre. Im 17. Jahrhundert begann mit den Experimenten des Francis Bacon das Zeitalter der wissenschaftlichen Medizin, das bis heute andauert. Die Krankheitstheorien waren noch nicht wie heute gefestigt; erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Pathologie gegen konkurrierende Lehren wie die Humoralpathologie oder die Hufelandsche Lebenskraft endgĂŒltig durch.

Das 20. Jahrhundert war schließlich geprĂ€gt von einem enormen Wissenszuwachs und demzufolge einer Ausdifferenzierung von zahlreichen medizinischen Fachrichtungen, etwa der Bakteriologie, der Hygiene, der AnĂ€sthesiologie, der Sozialmedizin oder der Psychiatrie. Gleichzeitig gewannen die Industriestaaten zunehmend Aufsichtsfunktionen ĂŒber das Gesundheitswesen und es etablierte sich teilweise ein nationales Gesundheitssystem, wie etwa das NHS in England. Zerr- und Schandbild der staatlichen Überwachung bildete die Medizin im Nationalsozialismus. Den gegenwĂ€rtigen Endpunkt der Entwicklung bildet die evidenzbasierte Medizin und die flĂ€chendeckende EinfĂŒhrung von QualitĂ€tsmanagementsystemen in allen Bereichen der Patientenversorgung.

Siehe auch
Literatur

‱ William DePrez Inlow: Medicine: its nature and definition. In: Bulletin of the History of Medicine 19, 1946, S. 249–273. ISSN 0194-1100
‱ Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin 2009, 6. Auflage, ISBN 978-3-540-79215-4
‱ Albert S. Lyons: Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst. DuMont Buchverlag, Köln 1980, Deutsche Erstveröffentlichung, ISBN 3-7701-1184-2
‱ Roy Porter: Cambridge illustrated history. Medicine. 4. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-521-00252-3
‱ Stefan Schulz, Klaus Steigleder u. a. (Hrsg.): Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2006, ISBN 978-3-518-29391-1
‱ Eberhard J. Wormer und Johann A. Bauer: Neues Großes Lexikon Medizin & Gesundheit, Medizin von A bis Z, Symptome von A bis Z, Labor und Diagnose, Naturheilverfahren, Anti-Aging, Heilpflanzen, Erste Hilfe, Directmedia Publishing GmbH, Berlin 2006, Digitale Bibliothek (Produkt), Band DBS 27, CD-ROM, ISBN 978-3-89853-035-4

Weblinks

‱ Huldrych M. F. Koelbing: Medizin. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
‱ Literatur zum Schlagwort Medizin im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Abhandlungen, Specials, Projekte

‱ Fachinformationszentrum: Deutsche Zentralbibliothek fĂŒr Medizin, Köln
‱ Ärztliches Zentrum fĂŒr QualitĂ€t in der Medizin (ÄZQ)
‱ BioMedCentral (englisch) – Open-Access-Projekt
‱ AusfĂŒhrliche Linksammlung der UniversitĂ€tsbibliothek Essen zu medizinischen Themen (Memento vom 15. Februar 2008 im Internet Archive)

Medizinische Suchmaschinen

‱ PubMed: Datenbank der National Library of Medicine (USA, englisch) – Website
‱ Medpilot: Suchmaschine der Deutschen Zentralbibliothek fĂŒr Medizin – Homepage

Zeitschriften

‱ Deutsches Ärzteblatt – Homepage
‱ British Medical Journal – Homepage (englisch)
‱ The Lancet – Homepage (englisch)

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Axel W. Bauer: Medizin, naturwissenschaftliche (1850–1900). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 938–942, hier: S. 938.
cite-note-22. ↑ Duden | Mediziner | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft. Abgerufen am 25. Januar 2024.
cite-note-33. ↑ Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin 1975, S. 470.
cite-note-44. ↑ Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission fĂŒr Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier: S. 3 f.
cite-note-55. ↑ Rudolf Laux: Ars medicinae. Ein frĂŒhmittelalterliches Kompendium der Medizin. In: Kyklos. Band 3, 1930, S. 417–434.
cite-note-duden-dt-universalw-rterbuch-66. ↑ Duden Deutsches Universalwörterbuch. Verlag Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 5. Auflage, Mannheim 2003 online-Fassung
cite-note-77. ↑ Norbert Kohnen: Medizinmann. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 956 f.; hier: S. 956.
cite-note-88. ↑ Doris Schwarzmann-Schafhauser: Indianermedizin, nordamerikanische. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 665.
cite-note-99. ↑ Doris Schwarzmann-Schafhauser (2005), S. 665.
cite-note-1010. ↑ Norbert Kohnen: Medizinmann. 2005, S. 956.
cite-note-1111. ↑ krankenbehandlung. Abgerufen am 1. November 2021.
cite-note-1212. ↑ Regionalatlas Deutschland Indikatoren des Themenbereichs "Gesundheits- u. Sozialwesen", auf www-genesis.destatis.de
cite-note-1313. ↑ vgl. Wirtschaftswoche, Nr. 49, 2014, StĂ€dteranking, S. 28
cite-note-1414. ↑ Vgl. auch Hans-Heinz Eulner: Die Entwicklung der medizinischen SpezialfĂ€cher an den UniversitĂ€ten des deutschen Sprachgebietes (Medizinische Habilitationsschrift Frankfurt am Main 1963). Stuttgart 1970 (= Studien zur Medizingeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Band 4).
cite-note-1515. ↑ Vgl. auch Martin Sperling: Spezialisierung in der Medizin im Spiegel der WĂŒrzburger Geschichte. In: WĂŒrzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 153–184.
cite-note-1616. ↑ Vgl. auch Robert JĂŒtte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. C.H. Beck Verlag, MĂŒnchen 1996, ISBN 3-406-40495-2, S. 27–32 („Naturheilkunde“ kontra „naturwissenschaftliche“ Medizin (1850–1880)) und S. 32–42 („Kurpfuscherei“ kontra „Schulmedizin“ (1880–1932))
cite-note-1717. ↑ Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 62.
cite-note-1818. ↑ Jennifer Crowley, Lauren Ball, Gerrit Jan Hiddink: Nutrition in medical education: a systematic review. In: The Lancet. Planetary Health. Band 3, Nr. 9, September 2019, ISSN 2542-5196, S. e379–e389, doi:10.1016/S2542-5196(19)30171-8, PMID 31538623.
cite-note-1919. ↑ Joachim MĂŒller-Jung: „Integrative Medizin“ in F.A.Z. 11. Oktober 2011.
cite-note-0-2020. ↑ Anouschka Wasner: Integrative Medizin als Scheinlösung fĂŒr Defizite der konventionellen Medizin? In: Medical Tribune. 18. November 2022, abgerufen am 23. Mai 2023.
cite-note-2121. ↑ Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. AusgewĂ€hlte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 14.
cite-note-2222. ↑ Max Pohlenz: Hippokrates und die BegrĂŒndung der wissenschaftlichen Medizin. Berlin 1938.
cite-note-2323. ↑ August Buck: Die Medizin im VerstĂ€ndnis des Renaissancehumanismus. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Acta humaniora der Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1984 (= Mitteilung der Kommission fĂŒr Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 181–198, hier: S. 185.
cite-note-2424. ↑ Gill Davies, The Illustrated Timeline of Medicine, 2011, S. 49